100 Jahre Frauenwahlrecht

Heute jährt es sich zum 100. Mal, dass Frauen in Deutschland an die Wahlurne durften. Am 19.01.1919 durften die Frauen nach langem Kampf der Feministinnen endlich wählen gehen, so hatte es am 12.11.1918 der Rat der Volksbeauftragten nach Kriegsende verkündet.


Was für ein Fortschritt! Bis dahin durften Frauen in Deutschland nicht nur nicht wählen, nein auch das Studieren und gut bezahlte Berufe waren ihnen nicht erlaubt. Sie durften nur, was ihnen ihre Ehemänner oder Väter erlaubten, sie waren von ihnen ökonomisch und sozial abhängig, durften sich noch nicht einmal politisch organisieren, um diesen Zustand zu ändern, oder überhaupt bei politischen Versammlungen zuhören. Ganz zu schweigen davon, dass sie keinerlei Versammlungsrecht hatten – zu welchem Zweck auch immer.

Im Gegensatz zu den englischen Feministinnen, den sogenannten Suffragetten, war die deutsche Bewegung vom Pazifismus geprägt. Anstatt Krawall zu schlagen und Bomben zu zünden, setzen die deutschen Frauen auf Vereine, Zeitschriften und Kongresse. So kämpften sie für Geschlechtergleichheit und den Frieden.

Die Antifeministen, die sogar zu einem Viertel aus Frauen bestand, waren der Meinung, dass übermäßige Gehirntätitgkeit den Frauen nicht gut täte, es würde sie verkehrt und krank machen – so der Neurologe Paul Julius Möbius. Werner Heinemann gar behauptete 1913, dass dies einem nationalen Selbstmord gleich käme – den im Übrigen dann die Männer ein Jahr später mit dem Eintritt in den ersten Weltkrieg begannen.

Dass dennoch die Frauen die Errungenschaft des Wahlrechts zu schätzen wußten, zeigt die unglaubliche Wahlbeteiligung von 82% der Frauen an jenem historischen Urnengang. Immerhin knapp 9% der damals gewählten Abgeordneten waren weiblich (37 Frauen von 300, die kandiert hatten) – eine Zahl, die erst 64 Jahre später mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag deutlich überschritten wurde.

Leider wurden diese ersten Erfolge durch die aufstrebenden Nazis bereits 1923 zunichte gemacht. Schlagringe gegen die Pazifisten. Die pazifistischen Frauenrechtlerinnen verlangten daraufhin die Ausweisung Hitlers zurück in seine Heimat Österreich. Rückblickend eine äußerst weise Forderung, die den zweiten nationalen Selbstmord verhindert hätte, den die Nazis dann wenige Jahre begannen und dessen Folgen uns bis heute beschäftigen. Stattdessen mußten sich die 82% der Wählerinnen sagen lassen, dass sie in der Hauptsache Gattin und Mutter sein wollen, und nicht Genossin.

Doch auch jetzt, 100 Jahre später, ist der Kampf noch nicht zuende. 2013 war der Frauenateil im Bundestag mit 36,5% am höchsten, danach sank er wieder auf unter ein Drittel. Zwar gibt es an der ein oder anderen Stelle eine Frau in einer Spitzenposition, aber das spiegelt in keiner Weise wieder, dass mehr als die Hälfte aller Menschen Frauen sind. Darüber hinaus wurde und wird der Aktionsradius der Frauen beschränkt auf „die gesamte Sozialpolitik, einschließlich des Mutterschutzes“, sowie“ der Witwen- und Waisenfürsorge, bei der Regelung der Fürsorge für Kriegshinterbliebenen“ – eine Sonderrolle, für die „das weibliche Geschlecht besonders gut geeignet“ sei. Dass zur Zeit eine Frau den Ministerposten im Verteigungsministerium -eher eine Männerdomäne- inne hat, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass Frauen noch längst nicht überall hinkommen und alles erreichen könnten.

In meiner Schulzeit, Ende der 70 und in den 80ern, wurde darüber nie gesprochen, nur über die beiden Weltkriege, ihre Greueltaten und ihre Folgen, und daran hat sich nur wenig geändert. In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Feiern anlässlich der runden Jubiläen der Ende dieser Schrecken, allernorts mit Pomp, Paraden und großen Ansprachen. Dagegen ist die bescheidene Errungenschaft des Frauenwahlrechts eher nur eine Randnotiz. Zwar gibt es eine eigene Homepage zu 100 Jahre Frauenwahlrecht, und es berichteten die großen deutschen Medien darüber:

Doch als ich gestern auf einer Feier im Kollegenkreis den ein oder anderen Kollegen darauf ansprach, junge, studierte Männer zwischen Mitte Zwanzig und Ende Dreißig, da wußten sie nicht, dass Frauen erst seit 100 Jahren wählen dürfen, dass sie erst seit Anfang der 70er rechtlich gesehen nicht mehr die Zustimmung ihrer Ehemänner oder Väter brauchen, um ein Konto zu eröffnen oder einen Job anzunehmen. In ihren Augen sind Frauen und Männer immer schon gleichberechtigt gewesen. Gleichzeitig ist für sie aber auch klar, dass wenn sie Familien gründen, natürlich die Frau daheim bleibt und sich um den Haushalt und den Nachwuchs sorgt, nachdem die Väter ihre 2 Vätermonate genommen haben, in denen die Frau aber natürlich auch daheim bleibt, um sich um die Kleinen zu kümmern.

Unsere Vorfahrinnen haben nach jahrhunderterlanger Bevormundung der Frauen damals viel erreicht für uns, dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Damit unsere Nachfahrinnen jedoch noch selbstbestimmter leben können, ist es wichtig, dass wir uns heute engagieren. Dass wir die immer noch bestehenden Ungleichheiten ansprechen, sichtbar machen und an ihrem Abbau arbeiten.

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